Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen
Ein neuer Podcast: Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen
1988 hatte Peter Sloterdijk die Stiftungsdozentur für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt inne (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1988). Im Rahmen der Vorlesungsreihe entwarf er die Skizze zu einer „radikalen Autobiographik“. Er verbindet mit der Annahme einer nicht hintergehbaren Anfangsvergessenheit eine folgenreiche Vermutung: „Ist nicht die Enteignung des Selbstbewußtseins von seinem Beginn nicht auch ein verräterisches Faktum, das auf ein Fehlen deutet und so eloquent ist wie das Schweigen, mit dem in manchen Familien die Existenz gewisser Verwandter umgeben wird?“ (49)
Setzt man sich dann als Deutscher mit den Erblasten der jüngeren Geschichte und mit der vielfach damit verbundenen Schweigespirale auseinander, liegt es nahe, im Sinne einer „radikalen Autobiographik“ folgenden Gedankengang Peter Sloterdijks auf sich wirken zu lassen: „Man ist hier immer auf eine seltsame Art ontologisch von schlechten Eltern, man hat Abgründe hinter sich, wo andere Stammbäume haben, und fühlt sich als Flüchtling, wo andere in alten Heimatrechten zu Hause zu sein scheinen.“ (48)
Peter Sloterdijk mahnt daher, man müsse schon sehr starke Gründe haben, um das radikalautobiographische Experiment des Neuanfangens am frühesten Anfang zu unternehmen. Dies im Blick, ist er der Auffassung, nur wenn eine Lebensform scheitere, wenn eine vergiftete Überlieferung sich selbst in einem Einzelbewusstsein unerträglich werde, wenn ein Wille aufkomme, aus einem Teufelskreis auszubrechen und sich von einer familiären und nationalen Zerstörungstradition loszureißen, nur dann werde das Pathos des Anfanges zu einer wirklichen Passion. (53)
Es wirkt ermunternd und furchteinflößend gleichermaßen, wenn Sloterdijk einerseits meint, ob dies dann letztlich zu gültigen Erfolgen führe, sei eine Frage, die man vorerst auf sich beruhen lassen solle: Vielmehr genüge es hier, „auf das tatsächliche Vorkommen des Willens zum Neuanfang und des Glaubens daran, daß er möglich sei, hinzudeuten“. (53)
Kehren wir mit Peter Sloterdijk zurück zu einem seiner Ausgangsmotive: Zu Beginn bekennt er, er spiel gern mit der Vorstellung, „daß jeder Mensch eine Silbe verkörpert, ein einmaliges unverwechselbares Gewächs aus Konsonanten und Vokalen, eine lebende Silbe, unterwegs zum Wort, zum Text“. Denn jedes Leben sei auf seine Weise auf dem Sprung zur Sprache – „es ist schon erfüllt von Klängen, von Wörtern, von Grundbildern und von Szenen, mit denen es den Text seines alltäglichen Romans ausschreibt […] Vom ersten Atemzug an, ja von den frühesten Stadien der intrauterinen Nacht an, ist jedes Leben schriftempfindlich wie eine Wachstafel – und irritierbar wie der lichtempfindlichste Film. Im nervösen Material werden die unvergeßlichen Charaktere der Individualität eingeritzt.“ (13f.)
Begreift man sich in der Tat als eine Silbe, dann liegt es nahe – so die Anregung Sloterdijks – sich hinzuschreiben. Und für eine Silbe, die ihren Klang, ihre Niederschrift, ihre Materialisierung, ihre richtigen Nachbarschaften suche, sei die Formulierung „sie setzt sich aus“ besonders am Platz:
Was wir das Individuum nennen, sei zunächst nur das lebende Pergament, auf dem in Nervenschrift von Sekunde zu Sekunde die Chronik unserer Existenz aufgezeichnet werde. Man könne so weit gehen zu sagen, daß es die schwarz auf weiß gedruckten Bücher gebe, weil Individuen existierten, die ihr neurologisches Buchsein nach außen kehrten. Es seien beschriebene Blätter, die eines Tages sich selber umblätterten und Schreibende würden. (15)
Mit meiner Poesie setze ich mich Zeit meines Lebens aus, und die Ritzungen füllen jene Bücher, die begonnen haben sich selbst umzublättern. Sie suchen und finden jene bereichernden und Horizont erweiternden Nachbarschaften, von denen Sloterdijk spricht. Von der Poesie und diesen Nachbarschaften wird dieser Podcast in seinen einzelnen Episoden handeln. Eigene Poesie – teils in Liedform – und Erzählungen werden diesen Podcast prägen, ebenso wie die fürsorgliche und leidenschaftliche Pflege von Nachbarschaften.
Dies alles befruchtet und befeuert eine Sichtweise, mit der Peter Sloterdijk zu der wunderbaren Vorstellung gelangt, mit der er Gedichte als „Atemschiffchen“ begreift, „die sich ins Offene aussetzen“.
Diese Phantasie spiegelt sich in „So zieht nun in die Welt“ auf wundersame Weise wieder und soll den Start diesen neuen Podcast beflügeln.
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